Wasserstoffbus

100 Prozent emissionsfrei: Die Wasserstoffbusse sind da!

Grüner Wasserstoff für die emissionsfreie Mobilität von morgen - das ist eines der Ziele des Projekts "eFarm" der Unternehmensgruppe GP JOULE. Im ersten Quartal 2021 startet Autokraft mit zwei "eFarm"-Wasserstoffbussen im ÖPNV des Kreises Nordfriesland. Aktuell werden die Busse ausgiebig getestet. Sie tanken den von "eFarm" regional produzierten Wasserstoff an zwei Tankstellen in Husum und Niebüll und bringen zu 100 Prozent emissionsfreie Mobilität auf die Straße.

Hintergrund: Ab August 2021 müssen insgesamt 45 Prozent der Busse, die für den ÖPNV beschafft werden, "sauber" sein. Die Hälfte davon muss ganz ohne Emissionen auskommen. Das besagt die Clean Vehicle Directive der EU. Die Deutsche Bahn selbst hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 ganz ohne Diesel auszukommen. "Derzeit blicken alle mit großem Interesse auf die verschiedenen Technologien. Für uns ist es wichtig, die alternativen Antriebe im normalen Betrieb zu testen, um ab dem nächsten Jahr die richtigen Kaufentscheidungen zu treffen. Denn noch gibt es nicht so viele Erfahrungen mit Elektro- und Wasserstoffbussen in Deutschland, etwa mit Blick auf die Instandhaltung", erläutert Thorsten Hinrichs, Niederlassungsleiter von Autokraft in Flensburg.

Die beiden neuen Wasserstoffbusse von Caetano wurden vom Autokraft-Team mit Begeisterung in Empfang genommen. Für unsere Fahrgäste bieten sie mit Vollklimatisierung, Neigetechnik und WLAN den Komfort, der im modernen ÖPNV zu erwarten ist. Thorsten Hinrichs ist stolz: "Wir freuen uns, dass Autokraft einmal mehr an einem Projekt beteiligt ist, das die Klima- und Verkehrswende vorantreibt. Dieses Ziel erreichen wir nur im Verbund mit starken Partnern."

Experteninterview mit André Steinau von GP Joule

© privat

Wie hat sich "eFarm" entwickelt, was ist das Besondere am Wasserstoff "made in Schleswig-Holstein" und welche Zukunftsvision verbindet sich mit dem Projekt? Im Interview berichtet dazu André Steinau, Referent der Unternehmensleitung bei GP JOULE und verantwortlich für die Wasserstoffprojekte des Unternehmens.

Herr Steinau, das Projekt "eFarm" begleitet Sie ja bereits einige Jahre, inzwischen ist es eine Erfolgsstory. Was waren die wichtigsten Etappen des Projekts?

Unsere Projektentwickler und Techniker haben mehrere Jahre Entwicklungsarbeit geleistet, bis das Projekt "eFarm" realisiert werden konnte. Bereits 2016 haben wir eine Machbarkeitsstudie mit Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein gestartet. Der Einsatz von Bussen war von Anfang an geplant. 2017 konnten wir den ersten Megawatt-PEM-Elektrolyseur in Schleswig-Holstein vorstellen. Mit dem 2018 erteilten Förderbescheid über acht Millionen Euro durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen der Förderrichtlinie Nationales Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie nahm das Projekt dann richtig Fahrt auf. Im Mai und Juni 2020 setzten wir die Spatenstiche für unsere Wasserstofftankstellen in Husum und Niebüll, im Juli 2020 startete die Wasserstoffproduktion und im Oktober kam der erste Wasserstoffbus bei uns an.


In diesem Jahr ging es also Schlag auf Schlag. Eigentlich ein Grund, groß zu feiern!

Unbedingt, aber in Zeiten von Corona ja leider nicht möglich. Wir hoffen, dass wir unser Projekt im Jahr 2021 in gebührendem Rahmen vorstellen und feiern können. Schließlich ist "eFarm" als Verbundvorhaben das größte grüne Wasserstoffmobilitäts-Projekt in Deutschland.

Ove Petersen, GP Joule
Ove Petersen, CEO und Mitbegründer von GP Joule, in einer Elektrolyse-Anlage zur Erzeugung von Wasserstoff © GP JOULE

Wasserstoff ist bei uns noch kein gängiger Treibstoff in der Mobilität und dementsprechend ist die Technik vielfach noch unbekannt. Wo also kommt Ihr grüner Wasserstoff her und wie kommt er an die Tankstelle?

Ich erwähnte bereits unseren Megawatt-PEM-Elektrolyseur. Das ist unser Wasserstoffproduktionsstandort, im Rahmen des Projektes sind davon fünf geplant. Bei der PEM-Elektrolyse wird Strom in Wasserstoff umgewandelt.

Der benötigte Strom kommt aus Windkraftanlagen, von denen wir in Schleswig-Holstein sehr viele haben und die bekanntlich einen Überhang an Windstrom produzieren. Wir schaffen also eine Möglichkeit, diese überschüssige Energie in Form von Wasserstoff zu speichern. Mit unserer Technologie lässt sich Wasserstoff aus erneuerbaren Energien im industriellen Maßstab kostengünstig herstellen, eine saubere und innovative Zukunftstechnologie "made in Schleswig-Holstein".

Lokale Produktion und Nutzung, das ist vorbildlich und sorgt sicher für große Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger.

Ja, uns war es sehr wichtig, die Menschen vor Ort mitzunehmen. Deswegen ist "eFarm" auch genossenschaftlich organisiert. Die Anschaffung der beiden Wasserstoffbusse war von Beginn an Teil des Plans, um den Nutzen für die Menschen unmittelbar spürbar zu machen. Das gleiche passiert, wenn wir die Abwärme, die bei der Produktion des Wasserstoffs entsteht, in eigene oder bestehende Nahwärmenetze einspeisen und damit Gebäude beheizen. Unser Ansatz ist also ganzheitlich, es geht nicht nur um die Produktion, sondern auch um die Verteilung und Nutzung von Energie.

Die Busse stammen vom portugiesischen Hersteller Caetano. Was können Sie uns zur Fahrzeugtechnik und -ausstattung erzählen?

Die Busse des Typs Caetano H2.City Gold können mit einer einzigen Betankung rund 400 Kilometer weit fahren, die größere Distanz im Vergleich zum Elektrobus ist wichtig für den Regionalbus- und Überlandverkehr. Auf dem Dach sind die Stromversorgungskomponenten wie Wasserstofftanks, Batterien und das Brennstoffzellensystem platziert. Die Brennstoffzellen sind technologisch hochentwickelt und stammen von Toyota. Sie wandeln den Wasserstoff wieder in Strom um, mit dem die Fahrzeuge angetrieben werden.  Der Caetano H2.City Gold erfüllt zudem verschiedene Sicherheitsanforderungen. So wird zum Beispiel im Falle eines Unfalls dank der installierten Wasserstoff-Leck-Sensoren und Crash-Sensoren der Wasserstoffstrom aus den Tanks unmittelbar abgeschnitten.

Im nordfriesischen Bosbüll steht der erste Elektrolyse-Standort des richtungsweisenden Wasserstoffmobilitätsprojekts "eFarm". © GP JOULE

Es wurden zwei Wasserstofftankstellen gebaut. Wie funktioniert das Tanken? Nutzen nur die Busse die Tankstellen?

Die Tankstellen sind öffentlich zugänglich und für jedermann nutzbar! Ich selbst fahre ein Wasserstoffauto und kann nun auch in Niebüll und Husum tanken. Der Wasserstoff kommt in mobilen Speichercontainern per LKW zu den beiden Tankstellen. Dort wird der Wasserstoff nochmals höher verdichtet und kann dann die Busse, aber auch weitere Wasserstoff-LKWs oder -PKWs betanken. Der Tankvorgang benötigt nur wenige Minuten, da gibt es keinen Unterschied zu herkömmlichen Kraftstoffen.

Autokraft hat den Bus nun schon eine Weile getestet. Sowohl das Fahrpersonal als auch die Werkstattmitarbeitenden wurden eigens auf das Fahrzeug geschult. Nun sind wir gespannt, wie die Fahrgäste reagieren. Wie geht es denn weiter mit dem Projekt "eFarm", welche Zukunftsvision haben Sie?

Wir haben nun den ersten Schritt getan zu einer Schaffung der nötigen Infrastruktur. Es gibt viele Interessenten in den Kommunen und auch im Bereich Logistik. Natürlich braucht es weitere Abnehmer, damit sich die Wasserstoffproduktion langfristig lohnt. Wir sind überzeugt: Grüner Wasserstoff ist der Treibstoff der Zukunft! In Niedersachsen fährt bereits ein Wasserstoffzug von Alstom, kürzlich haben auch die Deutsche Bahn und Siemens den Test eines Zuges im Raum Tübingen angekündigt. Des Weiteren ist grüner Wasserstoff auch optimaler Treibstoff zur Ablösung von Diesel und Schweröl im Schiffsverkehr, z.B. bei den Fähren in Schleswig-Holstein, die zu den Inseln pendeln, und im küstennahen Schiffsverkehr - ohne Feinstaub, giftige Stickstoffoxid- und Schwefeloxid-Emissionen mehr in den Hafenbecken und damit in unseren Innenstädten.

In Asien wird Wasserstoff in der Mobilität teilweise bereits flächendeckend eingesetzt. Grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Energien und damit zusammenhängende Technologien können zu einem Exportschlager in das gesamte Bundesgebiet sowie europa- und weltweit werden. Daran arbeiten wir jeden Tag mit großem Einsatz!

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